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Der Geschichte des Eichsfeldes liegen
Belege über Funde von jungsteinzeitlichen Bandkeramiken am Euzenberg
bei Duderstadt zugrunde, die bis 5000 Jahre v. Chr. zurückreichen.
Nachdem die weit nach Norden
vorgedrungenen Thüringer im Jahre 531 an der Unstrut die Schlacht
gegen die Franken und die mit ihnen verbündeten Sachsen verloren
hatten, einigten sich die Sieger auf eine Gebietsteilung, und die
Sachsen erhielten den nördlichen Teil, während sich die Franken
den süd- lichen Teil des heutigen Eichsfeldes nahmen. Die Sprachgrenze
zwischen dem Hochdeutschen im Süden und dem Niederdeutschen im
Norden, das die Obereichsfelder die Eichsfelder Mundart "storjen"
und die Untereichsfelder das niederdeutsche Platt "snaken" lässt,
dürfte seine Ursachen in dieser Teilung vor fast anderthalb
Jahrtausenden haben.
Die immer weiter zunehmende fränkische
Herrschaft brachte nach dem 8. Jahrhundert dem Eichsfeld das
Christentum und mit einem fränkischen Königshof bzw. einer
bedeutenden erzbischöflichen Niederlassung und einer
Martinskapelle "auf dem Berge" in Heiligenstadt einen ersten administrativen und kirchlichen Mittelpunkt, wenngleich der erste
schriftliche Nachweis des einst germanischen Gaus Eichsfeld erst
aus einer Urkunde hervorgeht, die Arnulf von Kärnten am 28. Januar
897 in Regensburg unterschrieb und in ihr die Rechtmäßigkeit eines
Gütertauschs "in pago Eichesfelden" bestätigte, der zwischen dem Abt
Huki von Fulda und dem Grafen Konrad vorgenommen worden war.
Im
11. und 12. Jahrhundert hatte das recht günstig gelegene Eichsfeld
das Be- sitzinteresse vieler Nachbarn auf sich gezogen, doch
schließlich vereinten sieg- reiche Mainzer Erzbischöfe alle Gebiete,
die vormals Thüringer und hessische, Wettiner und Welfenherzöge,
aber auch die Klöster bzw. Stifte Hersfeld, Fulda, Corvey,
Hildesheim, Quedlinburg u.a. besessen hatten, in ihrer Hand und
festigten ihre geistliche Herrschaft damit auch territorial. Die
von Mainz recht ferne Exklave wurde als "Kurfürstlich Mainzischer
Eichsfelder Staat" zwischen 1123 und 1540 von Viztumen bzw.
Amtleuten und Landvögten auf dem Rusteberg, hernach durch
Oberamtleute und Statthalter von Heiligenstadt aus verwaltet.
Trotz der zahlreichen
Klosterniederlassungen im Lande ließen die Lehren des
Augustinermönchs Martin Luther die Eichsfelder aufhorchen und ihnen
folgen, so dass sich der Erzbischof und Kurfürst Daniel Brendel von
Homburg bei seiner Eichsfeldvisitation 1574 vor die schwere Aufgabe
gestellt fand, seine Landeskinder - mit Ausnahme derer in Heuthen,
Geisleden und Uder, die treugeblieben waren, - wieder zum
"rechten", zum katholischen Glauben zurückführen zu müssen.
Als
eifrige, erfolgreiche Helfer waren ihm bei der Durchsetzung des
Grundsatzes "Cuius regio, eius religio" (Wessen Land, dessen Glaube)
die stante pede nach Heiligenstadt beorderten Jesuiten behilflich.
Nach den Wirren des Dreißigjährigen
Krieges mit furchtbarem menschlichem Leid, unvorstellbaren
Verwüstungen und unermesslichen Schäden begannen die Men- schen
aufzuatmen und aufzubauen, wovon mehr als 100 Kirchen sowie
Bene-diktiner- und Zisterzienserklöster, Wohnhäuser und
Wirtschaftsgebäude in Städten und Dörfern Zeugnis ablegen, bevor
der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) abermals für Zerstörung und
Schulden in beträchtlichem Umfang sorgte.
Als im August 1802 preußische
Kürassiere und Jäger in das Eichsfeld und eine vierköpfige
Zivilkommission in das Heiligenstädter Schloss einzogen und das
Mainzer Rad durch den Preußenadler ersetzten, endete die Herrschaft des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, der seine
Eichsfelder "unter dem Krummstab gut leben" ließ, wie gerühmt wurde.
Nur wenige Jahre jedoch schwebte der
schwarze Aar über dem Eichsfeld; die Zeit reichte aber, um
grundlegende Veränderungen herbeizuführen und u. a. das Kloster
der Zisterzienser in Reifenstein, das der Benediktiner in Gerode und
das St.-Martins-Stift in Heiligenstadt aufzulösen, bevor die
Eichsfelder aufgrund napoleonischer Kriegserfolge zu Bürgern des
Königreichs Westfalen avancierten. Mit der Völkerschlacht bei
Leipzig wurde dieses Intermezzo zwar beendet, aber durch den
nachfolgenden Wiener Kongress 1815 auch die Teilung des
Eichsfeldes eingeleitet.
Der
nördliche Landesteil mit Duderstadt, Gieboldehausen und Lindau kam
zum Königreich Hannover, die Orte in der Mitte und im Süden wurden
auf drei Landkreise der preußischen Provinz Sachsen – Heiligenstadt,
Worbis und Mühlhausen – aufgeteilt. Hinzu kamen einige honsteinische und schwarzburgische Dörfer im Südharzgebiet, um
Großbodungen und im Dün.
Vom Juli
1945 an wuchs die historische Ämtergrenze zur Dimension einer
Trennlinie zwischen den Welt-Machtblöcken an, und am alten
Dreiländer- eck bei Kirchgandern standen russische, amerikanische und
englische Soldaten einander gegenüber. Infolge der
unterschiedlichen politischen Entwicklung in der östlichen und den
westlichen Besatzungs- zonen entstanden 1949 zwei deutsche Staaten.
Obwohl Stacheldraht und Streckmetall eine Wunde in das Eichsfelder
Land riss, vermochte es nicht, die Eichsfelder dauerhaft voneinander
zu trennen.
Einem
Wunder gleich fielen am 9. November 1989 und in den nachfolgenden
Tagen und Wochen Grenzzäune und Schlagbäume, Türen öffneten sich,
und Wege und Straßen wurden geebnet, um zueinander zu finden und
beieinander zu sein. Verwandte und Freunde, Abgeordnete und Verantwort- liche der Kommunen, Vereine und Verbände suchten und
fanden neue Möglichkeiten und Chancen zum friedvollen Miteinander im
schönen, im grenzenlosen Eichsfelder Land, das nun in seiner Gesamtschau wieder ein Gebiet voller Attraktivität wurde.
Mit dem
1. Juli 1994 wurde durch das Zusammenfügen der Kreise Heiligenstadt
und Worbis zum Landkreis Eichsfeld ein wesentlicher Schritt zur
Beendigung der preußischen Teilung des Eichsfeldes vollzogen.
Die
Geschichte lässt sich im Eichsfeld nicht nur erahnen oder erlesen,
sondern mittels eifrig gepflegter Traditionen im Jahreskreis
allerorts erleben, wie am "fetten Donnerstag", zum Osterfeuer, beim
Maisprung und während der Kirmesfeiern, zu Schützenfesten und beim
Silvestersingen, aber besonders bei den zahl- reichen Wallfahrten und
Prozessionen, an denen oft Zehntausende teilnehmen.
Die
alten Städte Duderstadt, Heiligenstadt und Dingelstädt mit
jahrhundertealtem malerischem Fachwerk, gotischen und barocken
Kirchen und das junge, moderne Leinefelde - seit 2004 mit der
850-jährigen Stadt Worbis als Leinefelde-Worbis vereint - sowie die
fast 180 schmucken, gepflegten Orte des Unter- und des
Obereichsfeldes, die alten mainzischen oder hinzugekommenen Dörfer,
die jetzt den Landkreisen Eichsfeld, Göttingen und Northeim, dem Unstrut-Hainich- und dem Werra-Meißner-Kreis angehören,
präsentieren sich ebenso anziehend wie mär- chenhafte Burgen auf
Bergeshöhen und ehemalige Klöster in stillen Waldtälern, so dass
die Einwohner mit Freude auf das Geschaffene blicken, mit Eifer
Neues planen und verrichten, Besucher aber mit unvergesslichen
Eindrücken aus dem Eichsfeld scheiden.
(Josef Keppler) |